Projektbeschreibung

Ob ein gerechter Gott, eine heilsbringende Ideologie oder ein Glück versprechendes Coaching: Der Mensch sehnt sich danach, sein Leben nach etwas Höherem auszurichten und so das immanente Dasein durch eine transzendente Orientierung zu umhüllen und aufzuwerten. Teils laufen diese Sinnkonstruktionen unbewusst ab oder treten unbemerkt in Erscheinung; teils finden wir explizite Aushandlungsprozesse, zu denen wir bewusst Stellung beziehen. Doch stets ist es Sprache, die uns erlaubt, überweltliche Bezüge herzustellen. Mit Wörtern machen wir diffuse Ideen und Gefühle greifbar; mit ihnen entwickeln, verhandeln und verbreiten wir (potenziell) transzendente Konzepte wie die Vorstellungen von Jenseits und Göttlichkeit, von Tod und Lebenssinn, von Gemeinschaft und Glück. Sprachgebrauch mit transzendenten Bezügen ist in allen Zeiten und Kulturen verankert und begegnet uns auch in rein säkularen Situationen. Im Rahmen der Wissensdomäne Religion setzen sich Forscher*innen aus linguistischer, diskursanalytischer und sprachhistorischer Perspektive mit eben diesem faszinierenden Phänomenbereich intensiv auseinander. Dabei wird Religion im weiten Sinne als jede Form auf eine Transzendenz ausgerichteter Glaubenskonzepte und übernatürlicher bzw. überirdischer Sinnkonstruktion verstanden.

Dieses Verständnis von Religion als Konstruktion und Aushandlung von sowie Positionierungen zu Transzendentem eröffnet ein weites phänomenologisches Feld. Um angesichts dieser Disparität auf festem theoretischem Boden zu stehen, ordnet sich der Arbeitskreis seit dem das Forschungsfeld begründenden Artikel Sprache und Religion von Lasch / Liebert (2015) in die Tradition der pragmatisch-funktionalen Linguistik ein und erforscht religiöse Konzept- und Sprachmuster anhand eines linguistisch reflektierten Religionsbegriffs. Das Alleinstellungsmerkmal des Projekts liegt einerseits in seinem von Offenheit für jedwede Form von Spiritualität geprägten Erkenntnisinteresse, andererseits in der theoretischen Fundierung in einer funktionalen Linguistik, die Kommunikation als soziales Handeln und Sprache als Konstruktion individuellen und kollektiven Wissens begreift.

Projektziele

Um der Vielzahl und Disparität der möglichen Forschungsthemen und Untersuchungsgegenstände im Bereich Religion und Spiritualität Rechnung zu tragen, werden Forschungsarbeiten und Austausch in drei thematischen Fokussierungen verfolgt, die sakralen bzw. spirituellen, religiös konnotierten und auf Transzendenzen orientierten Sprachgebrauch in unterschiedlichen Diskursen betrachten:

  • in traditionellen bzw. ritualisierten religiösen und sakralen Kontexten,
  • in politisch motivierter Kommunikation und
  • in medial vermittelten und individualisierten Aushandlungen transzendenter Vorstellungen.

Im Kontext des Projekts entstandene Einführungen und Sammelbände

Fritzsche, Maria / Roth, Kerstin / Lasch, Alexander / Liebert, Wolf-Andreas (Hrsg.) (2023): Sprache und Religion. Tendenzen und Perspektiven (Sprache und Wissen 56). Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110604696

Lasch, Alexander / Liebert, Wolf-Andreas (Hrsg.) (2017): Handbuch Sprache und Religion (Handbücher Sprachwissen 18). Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110296297

Lasch, Alexander / Liebert, Wolf-Andreas (2025): Sprache und Religion (Studienkurs Religion). Baden-Baden: Nomos.

Im Kontext des Projekts entstandene Aufsätze (Auswahl)

Fritzsche, Maria / Roth, Kerstin (2024): Opfer – ein Lexem voller Polysemie. In: S. Szatzker / A. Szilágyi-Kósa (Hrsg.): Sakrale Sprache in Bewegung. Gebetet, gesungen, übersetzt, entsakralisiert (Theolinguistica 11). Insingen: Bauer & Raspe, S. 25–41.

Fritzsche, Maria / Schumann, Gianna (2026): Sprachliche Mittel der Sakralisierung in verschwörungsideologischen Manifesten. In: T. Bodden / D. Römer (Hrsg.): Diskurs – Gesellschaft – Medien. Bielefeld: Transcript.

Lasch, Alexander / Liebert, Wolf-Andreas (2015): Sprache und Religion. In: E. Felder / A. Gardt (Hrsg.): Handbuch Sprache und Wissen (Handbücher Sprachwissen 1). Berlin, Boston: De Gruyter, S. 475–492. https://doi.org/10.1515/9783110295979.475

Schmitt, Elias / Trochemowitz, Jonas (erscheint): „Im Widerstand gegen die Mächte der Finsternis“. Eine religionslinguistische Analyse christlicher Verschwörungsdiskurse. In: T. Bodden / D. Römer (Hrsg.): Diskurs – Gesellschaft – Medien. Bielefeld: Transcript.

Smailagić, Vedad (2024): Deutsche religiöse Kommunikation des Islam: Ein Desiderat ohnegleichen. In: M. Attig / K. Jacob / M. Müller / F. Vogel (Hrsg.): Netz und Werk: Zur Gesellschaftlichkeit sprachlichen Handelns. Berlin, Boston: De Gruyter, S. 371–386. https://doi.org/10.1515/9783111086514-029

Im Kontext des Projekts entstandene Dissertationen

Bock, Cornelia F. (2025): Zwischen Ritualität und Diversität: Die Aushandlung interkultureller Identitäten im deutsch-afrikanischen Gottesdienst (Linguistik – Impulse & Tendenzen 100). Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111722375

Fritzsche, Maria (2024): Sprachlich konstruierter Extremismus. Mehrdimensionale Textanalyse von Propagandamagazinen des sogenannten Islamischen Staates (Linguistik – Impulse & Tendenzen 113). Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111374895

Roth, Kerstin (2025): Lebensbeschreibungen im Diskursuniversum Religion: Herrnhutischer Sprachgebrauch im 18. Jahrhundert (Sprache und Wissen 64). Berlin, Boston: De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111592091

Schmitt, Elias (erscheint): Religiöser Sprachgebrauch im Werk von Karl Marx (Sprache und Wissen). Berlin, Boston: De Gruyter.

Trochemowitz, Jonas (erscheint): Aushandlungen des Unvereinbaren – Eine linguistische Diskurspraxeographie queer-christlicher Subjektivierung (Diskurs – Gesellschaft – Medien). Bielefeld: Transcript.

Vergangene Arbeitstreffen und Panel auf Tagungen

  • „Arbeitstagung Religionslinguistik“ im Juni 2017 in Koblenz, Leitung: Alexander Lasch / Wolf-Andreas Liebert (Link zum Tagungsbericht)
  • „Autobiographische Transzendenzerzählungen – Konversion, Erwecken, Erwachen“ im Mai 2018 in Koblenz, Leitung: Alexander Lasch / Wolf-Andreas Liebert (Link zum Tagungsbericht)
  • „Opfer“ im Oktober 2019 in Dresden, Leitung: Alexander Lasch / Wolf-Andreas Liebert (Link zur Tagungshomepage; Link zum Tagungsbericht)
  • „Sprache und Religion. Impulse und Tendenzen“ im Dezember 2020 pandemiebedingt digital, Leitung: Maria Fritzsche / Alexander Lasch / Wolf-Andreas Liebert / Kerstin Roth (Link zur Tagungshomepage; Link zum Tagungsbericht)
  • „Interferenzen zwischen religiösem und politischem Sprachgebrauch“ im November 2021 pandemiebedingt digital, Leitung: Maria Fritzsche / Alexander Lasch / Wolf-Andreas Liebert / Kerstin Roth (Link zur Tagungshomepage; Link zum Tagungsbericht)
  • „Über das Unsagbare sprechen – Ein interdisziplinär religionslinguistischer Methodenworkshop“ im Dezember 2023 in Bremen, Leitung: Elias Schmitt / Jonas Trochemowitz (Link zur Tagungshomepage)
  • „Perspectives at the Interface of Cognitive Linguistics and the Linguistics of Religion. New Spiritualities, Expressions and Methods“, panel at the 11th International Conference of the German Cognitive Linguistics Association in September 2026 at Bielefeld, coordination: Maria Fritzsche / Elias Schmitt / Jonas Trochemowitz (Link to the programme).

Kommende Arbeitstreffen und Panel auf Tagungen

  • „The Pragmatics of Religious Rhetorics in Politics: Perspectives from the Global South and North“, panel at the conference of the International Pragmatics Association in Helsinki in July 2027, coordination: Hanna Acke et al. (Link to the Call for Papers).
  • „Sprache und Religion“ im September 2027 in Heidelberg, Leitung: Ekkehard Felder / Vedad Smailagić (nähere Informationen folgen)

Projektleitung

Kooperationspartner*innen