Projekt

Obwohl im öffentlichen Diskurs kaum präsent, ist die Mathematik eine der Leitwissenschaften unserer Zeit. Viele technische Erfindungen enthalten anspruchsvolle Mathematik (vor allem solche, in denen Software  eine große Rolle spielt). Damit erweist sich die Mathematik nicht nur in den Naturwissenschaften als nützlich, sondern auch in der industriellen Forschung und Entwicklung: Hochtechnologie ist immer auch mathematische Technologie. Zudem sind mathematische Verfahren Grundlage vieler, oft webbasierter Geschäftsmodelle, die auf große Datenmengen, deren Analyse und Verwertung aufbauen. Hierzu gehören die vorausschauende Wartung, individuelle Fertigung und andere Konzepte, die unter dem Begriff Industrie 4.0 zusammengefasst werden, aber auch das personalisierte Marketing durch Mustererkennung in Suchanfragen, Bestellungen und Inhalten aus sozialen Medien. Wenn hier personenbezogene Daten gesammelt und mit anderen Quellen nutzbringend kombiniert werden, sind im Kern mathematische Verfahren eingesetzt. Dadurch wird mathematisches Wissen nicht mehr nur in Entwicklungsteams, unter Produktmanagern und Unternehmenslenkern relevant, sondern auch für Nutzer solcher Angebote und die Öffentlichkeit, die die Funktionsweise solcher Anwendungen nachvollziehen möchten.

Vor diesem Hintergrund verfolgt die Wissensdomäne Mathematik zwei Ziele: Zum einen untersucht sie die Rolle der Sprache bei der Hervorbringung, Weitergabe und Nutzbarmachung mathematischen Wissens in der industriellen Forschung und Entwicklung sowie deren Bedeutung im Management. Zum anderen soll mit linguistischen Mitteln die Relevanz der Mathematik bei der Nutzung von Produkten und Diensten und in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft herausgearbeitet werden.

In beiden Bereichen nimmt die Sprache eine besondere Rolle ein: In Forschung und Entwicklung müssen sich die Mathematiker zunächst ein Bild von den relevanten Eigenschaften der zu modellierenden Objekte und Sachverhalte machen, wobei dies stets im Gespräch mit Vertretern der jeweiligen Anwendungsdomäne geschieht. Zudem müssen die Mathematiker andere – darunter Ingenieure und Manager – von der Nützlichkeit ihrer Wissenschaft überzeugen, damit die Mathematik überhaupt zum Einsatz kommt. Durch ihre Abstraktheit ist die Mathematik so ausgreifend wie kaum eine andere Wissenschaft, was zu einer immer weitergehenden mathematischen Rekonstruktion von Objekten und Sachverhalten in vielen Anwendungs- und Lebensbereichen führt. Deshalb ist es bei vielen webbasierten Anwendungen relevant, dass Nutzer und auch die Öffentlichkeit die mathematischen Algorithmen nachvollziehen können, um zu verstehen, wie moderne Technologien Einfluss auf unser Wahrnehmen und Verhalten nehmen können. Im Sinne einer solchen Aufklärung nutzen Unternehmen, Interessengruppen und Medien sprachliche Mittel, um mathematische Inhalte in je eigener Weise sichtbar und verstehbar und damit einer Kritik zugänglich zu machen.

Ergebnisse

Atayan, Vahram/Thomas Metten/Vasco Alexander Schmidt (2015): Sprache in Mathematik, Naturwissenschaften und Technik. In: Ekkehard Felder/Andreas Gardt (Hg.): Handbuch Sprache und Wissen. Berlin, 411–434.

Riss, Uwe V./Vasco Alexander Schmidt (2011): Wissen und Handeln der Mathematiker. Philosophische Analyse und Betrachtung ihrer Relevanz für die Industrie. In: Helmerich, Markus/Katja Lengnink/Gregor Nickel/Martin Rathgeb (Hg.): Mathematik verstehen. Wiesbaden, 283–296.

Schmidt, Vasco Alexander (2009): Vernunft und Nützlichkeit der Mathematik. Wissenskonstitution in der Industriemathematik als Gegenstand der angewandten Linguistik. In: Ekkehard Felder/Marcus Müller (Hg.): Wissen durch Sprache. Berlin, 451–475.

Schmidt, Vasco Alexander (2013): A View on Mathematical Discourse in Research and Development. In Alain Damlamian/José Francisco Rodrigues/Rudolf Sträßler (Hg.): Educational Interfaces between Mathematics and Industry. Heidelberg, 341–349.