Projekt

Die Wissensdomäne Bildung und Schule ist sprachlich ein gesamtgesellschaftliches Großereignis mit sehr unterschiedlichen Mitspielern: Schüler/-innen, Lehrer/-innen, Eltern, Bildungspolitiker/-innen, Fachwissenschaftler/-innen und Fachdidaktiker/-innen der Unterrichtsfächer, allgemeine Pädagogen/Pädagoginnen, Psychologen/Psychologinnen, Berufsausbilder/-innen, Lehrmeister/-innen, Wirtschaftsvertreter/-innen u.a. Da ist es kaum verwunderlich, dass Bildung und Schule von verschiedenen Akteuren verschiedenen wahrgenommen und entsprechend verschieden als Wirklichkeit konstituiert werden. Aktuelle fachlich und gesellschaftlich umstrittene Sachverhalte in der Wissensdomäne Bildung und Schule sind unter anderen mit den folgenden lexikalischen Einheiten benannt und perzeptuell wie konzeptuell verknüpft: PISA, Standard, Kompetenz, Heterogenität, Inklusion u.v.a. Unter Sprache soll im Rahmen der Arbeit in der Wissensdomäne vorrangig die natürliche Sprache des Menschen verstanden werden. Dies ist diejenige Sprache, die der Mensch im Lauf seines Spracherwerbsprozesses in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen primären und sekundären Sozialisationsinstanzen, insbesondere den Eltern, den sogenannten Peergroups und den Lehrkräften in Bildungsinstitutionen, erwirbt, erweitert und entwickelt. In der Regel sind es dann eine (geschriebene) Standardsprache, eine (geschriebene) Bildungssprache und diverse Fachsprachen, die die institutionell organisierte Bildung des Menschen gestalten und prägen. Die historisch und kulturell gewachsenen Sprachvarietäten sind zugleich Archive des Wissens und Könnens der Gesellschaft und Mittel zur Weitergabe, Formung und Regulierung dieses Wissens und Könnens. Der Erwerb dieses Wissens und Könnens (Prozess) kann ebenso wie der Besitz desselben (Produkt) als Bildung bezeichnet werden. Im deutschen Sprachraum (aber auch in anderen Sprachgesellschaften, vgl. die Differenzierung zwischen education und literacy) werden die Begriffe Wissen, Können und Bildung, seit geraumer Zeit zudem Kompetenz, differenziert. Diese Differenzierung wird auch in der Wissensdomäne berücksichtigt. Die Arbeit in der Wissensdomäne Bildung und Schule widmet sich, zum einen, den Fragestellungen, die das Netzwerk »Sprache und Wissen« ins Zentrum seiner Arbeit stellt:

  • die Frage nach »Versprachlichungsformen fachlicher Sachverhalte« auf unterschiedlichen Diskursebenen und in unterschiedlichen Sprachschichten (pädagogisch-fachsprachlich, didaktisch-fachsprachlich, bildungspolitisch-fachsprachlich, umgangssprachlich u.a.);
  • die Frage nach der je spezifischen Gegenstandskonstitution im Rahmen der Versprachlichung;
  • die Frage nach Möglichkeiten der Vermittlung zwischen den Gegenstandskonstitutionen verschiedener Diskursbeteiligter auf der Grundlage sprachwissenschaftlicher Analysen.

Die Arbeit in der Wissensdomäne Bildung und Schule befasst sich sodann, zum anderen, mit Ansätzen zur Lösung unmittelbar praxisnaher Probleme, die u.a. aufgrund unterschiedlicher Versprachlichungsformen und Gegenstandskonstitutionen entstanden sind. In diesem Zusammenhang stehen gegenwärtig folgende Fragen im Fokus der Arbeit in der Wissensdomäne:

  • die Frage nach der sprachlichen Gebundenheit von Bildung, Wissen, Können und Kompetenz aus den Perspektiven von erziehungswissenschaftlichen, fachdidaktischen und sprachwissenschaftlichen Teildisziplinen;
  • die Frage nach theoretischen Grundlagen der Beschreibung und Interpretation der sprachlichen Wissenskonstitution und der sprachlichen Vermittlung von Wissen und Können im Kommunikations- und Praxisbereich Bildung und Schule;
  • die Frage nach der Rolle von Sprache(n) in der diskursiven Konstruktion und Konstitution des Wissens, das gesellschaftlich als Bildung gilt;
  • die Frage nach Formen und Funktionen von Sprache(n) im Rahmen der individuellen Bildung;
  • die Frage nach Formen und Funktionen der Versprachlichung fachlicher Sachverhalte auf unterschiedlichen Diskursebenen und in unterschiedlichen Sprachschichten (z. B. pädagogisch-fachsprachlich, juristisch-fachsprachlich, politisch-fachsprachlich, umgangssprachlich u.a.);
  • die Frage nach institutioneller Lenkung und Normierung sprachlich gebundener Bildung durch Diagnose, Bewertung und Förderung (sowie Regulierung) sprachlicher Leistung.

Die Arbeit in der Wissensdomäne Bildung und Schule wird – gleichsam im Sinne einer angewandten Diskursforschung – deshalb ausdrücklich auch als praxisnahe Forschung zum Zweck einer Wissenstransformation und eines Wissenstransfers begriffen. Unterschiedliche Wirklichkeitskonstitutionen in der Wissensdomäne Bildung und Schule sollen linguistisch beschrieben werden; diese Beschreibung soll indes nicht allein in Darstellungen von Diskursen münden, sondern auch, z.B. im Rahmen von Ansätzen der partizipativen Forschung, Perspektiven zur Lösung von Problemen in der Praxis aufzeigen.

Projektbezogene Arbeiten, Befunde, Publikationen (in Auswahl)

HSW21

Kilian, Jörg/Birgit Brouër/Dina Lüttenberg (Hg.) (2016): Handbuch Sprache in der Bildung. Berlin/Boston. (http://www.degruyter.com/view/product/185166)

Brouër, Birgit/Jörg Kilian/Dina Lüttenberg (2015): Sprache in der Bildung. In: Ekkehard Felder/Andreas Gardt (Hg.): Handbuch Sprache und Wissen. Berlin/Boston, 539–556.

Kilian, Jörg/Dina Lüttenberg (2009): Kompetenz. Zur sprachlichen Konstruktion von Wissen und Können im Bildungsdiskurs nach PISA. In: Ekkehard Felder/Marcus Müller (Hg.): Wissen durch Sprache. Theorie, Praxis und Erkenntnisinteresse des Forschungsnetzwerkes “Sprache und Wissen”. Berlin/New York, 245–278.

Aktuelle Projektziele

Arbeiten zur professionellen Kompetenz von Lehramtsstudierenden

Arbeiten zur Verzahnung von Bildung in Wissenschaft und Schule