mit Fokus auf Künstliche Intelligenz

Digitale Entscheidungssysteme und Systeme künstlicher Intelligenz, die Ergebnisse informatischer Berechnungen ausgeben, prägen zunehmend gegenwärtige Gesellschaften und sie fügen sich in unterschiedliche lebensweltliche Zusammenhänge ein: Ein Sprachassistent in der Wohnung, ein Navigationsdienst im Auto, eine Übersetzungssoftware auf dem Handy, eine verstorbene Schauspielerin, die in einem Film mittels KI zum Leben erweckt wird – die Einsatzmöglichkeiten solcher Systeme sind vielfältig. 

Die Domäne beleuchtet die Rolle von Sprache im Zusammenhang informatischer Berechnungen aus 1. der Entwicklungs- und 2. der Nutzungsperspektive: 

  1. Forschung zu und Entwicklung von Systemen wie Large Language Models (LLMs) oder Algorithmic Decision making Systems (ADMs) ist auf eine ganz bestimmte soziale Gruppe zurückzuführen, nämlich die Gruppe der Informatiker*innen. Bereits 1935 hat der polnische Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck aufgezeigt, wie sehr wissenschaftliche Erkenntnisse sozial geprägt sind. Er spricht von Denkkollektiven, die bestimmte Forschungspraktiken herausbilden und tradieren, die schließlich kaum mehr hinterfragt werden. Diese unhinterfragte Tradiertheit zeigt sich auch in der Sprache, etwa in bestimmten Grundbegriffen, bestimmten Kontextualisierungen und Metaphern, eben auch in den Grundbegriffen, Kontextualisierungen und Metaphern der Informatik, z. B. in einem bestimmten Begriff von Daten (vgl. auch Williamson 2024) oder in Metaphern wie Training, Vorhersage, Überwachung, Agent oder Netzwerk. Die Verwendung und (angenommene) Referenzialität dieser Grundbegriffe und Metaphern wirkt aber gleichzeitig handlungsleitend. Es kann davon ausgegangen werden, dass die sprachliche Verfasstheit der Informatik etwa die Forschung zu maschinellem Lernen mitbestimmt. Wir fragen uns: Wie ist die sprachliche Verfasstheit der Informatik und wie wirken sprachlich konstituierte Grundkonzepte der Informatik auf informatische Berechnungen ein? Wie sehr sind die kulturellen Praktiken der Informatik durch bestimmte sprachliche Mittel und Routinen geprägt (z.B. durch Metaphern oder Sprachideologien)?
  2. Menschen nutzen Systeme, die auf informatischen Berechnungen beruhen, und binden sie in ganz unterschiedliche Handlungskontexte ein. Sie treten mit den Systemen in Interaktion, weisen ihnen manchmal – etwa im Fall von AI Companions – eine soziale Rolle und ihren ‘Äußerungen’ Referenz zu. Computergenerierte ‘Referenzen’ unterscheiden sich aber kategorial von menschlichen Referenzakten, da Maschinen keine praktikengebundenen Handlungen im vollumfänglichen Sinne  vollziehen können: Per se fehlt den computergenerierten Gebilden ihre kulturelle Einbettung, die von Menschen geleistet werden muss. Wenn eine angemessene Einbettung dieser Art fehlt, ist die Referenz unklar und damit ebenso unklar, ob die Berechnung in diesem Kontext sinnvoll interpretierbar ist. Dies hat insbesondere auch Konsequenzen im Hinblick darauf, wem in konkreten Fällen Autorschaft und Verantwortung zugeschrieben wird und legitimer Weise zugeschrieben werden kann.  Wir fragen uns: Was für ein Modell sprachlicher Referenz benötigen wir, um informatische Berechnung und kulturelle, insbesondere kommunikative, Praxis zusammenzubringen? Wie lassen sich die theoretischen und empirischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass Referenzen zwischen informatischen Berechnungen und menschlicher Lebenswelt so hergestellt werden können, dass das Gelingen dieser Referenzen beurteilbar wird? Welche Rolle spielt dabei die Kommunikation mit und über KI? Wie wirken unterschiedliche sprachliche Konzeptualisierungen von informatischen Berechnungen (z.B. Anthropomorphisierungen) auf die Einbettung in kulturelle Praktiken ein? Wie verändert insbesondere die Kommunikation mit LLMs Gesprächskulturen insgesamt?